Mittwoch, 01. Dezember 2021

Grußworte Dezember 2021

Foto: Eva Bodensohn

Gedanken zum Weihnachtsfest

Liebe Leserin, lieber Leser,

"geh’ gleich in die Waschküche und zieh ’dich aus!“, rief meine Mutter aus der Küche, als sie mich die Eingangstür öffnen hörte. Es war 18 Uhr. Ich lief schnell durch die Waschküche, zog mich bis auf meine Unterhose aus und ging gleich ins Bad. Es war mollig warm. Am Nachmittag hatte ich mir schon meine Kleider für den Heiligen Abend zurechtgelegt.

Ich kam gerade von der ‚Weihnachtsfeier für Einsame’, die unsere KjG-Gruppe – wir waren alle auch Messdiener – angeboten hatte. An diesem Nachmittag wurde weniger Tee oder Kaffee, dafür aber mehr Bier und Wein getrunken. Je länger wir zusammen waren, je intensiver der ‚Austausch’ wurde, so inniger gestaltete sich das Zusammensein. Im Überschwang der Festfreude – oder bewirkte es etwas anderes? – kam man sich näher und unzählige Umarmungen wurden ausgetauscht. Die herzlichsten natürlich beim Abschied. Ich brauche wohl nicht eigens zu erwähnen, dass diese Einladung die Obdachlosen gerne annahmen. Sie bildeten auch die größte Gruppe unserer Gäste.

Diese Erfahrung fiel mir spontan ein, als ich das Apostolische Schreiben ‚Evangelii gaudium’ von Papst Franziskus las. Den ‚Geruch der Schafe’ (EG 24) gelte es anzunehmen, beteuert der Papst. Den Geruch annehmen, dies habe ich bei unseren Weihnachtsfeiern ganz konkret erfahren. Ebenso ver­ständlich war, dass er bei unserer Familienfeier und im anschließenden Gottesdienst nichts zu suchen habe.

Beim Weihnachtsevangelium, das unser Pfarrer wunderschön vorsang, schlichen sich Bilder in meine Vorstellung. Bilder, wie die Hirten den Neu­geborenen in ihre Arme schlossen, er herumgereicht wurde, sie mit über­schwänglicher Freude den Vater und mit zärtlicher Andacht die Mutter um­armten. Ja, plötzlich erfüllte diesen kleinen Raum der ‚Geruch der Schafe und der Hirten’. Dieses kleine Kind erfuhr in den ersten Momenten seines Daseins, wie der ‚Geruch der Schafe’ und auch der ‚Geruch der Hirten’ war. Es wurde ihm in die Wiege gelegt.

Dass Jesus beides in seinem Leben nie verlor, ist ein ungeheuerlicher Trost für mich. Gott ‚entkleidete’ sich, ganz und gar. Nicht um den Geruch abzuwaschen, sondern ihn in sich aufzunehmen. Menschwerdung ist das Geheimnis der Umarmung, der Umarmung Gottes mit diesem Menschen. Menschwerdung Gottes ist das Geheimnis, den ‚Geruch’ der Menschen, der Armen und Bedürftigen anzunehmen.

Ein wunderschöner und für mich sehr tröstlicher Gedanke. Gott umarmt mich und nimmt dabei meinen ‚Geruch’ auf. Ich selbst weiß, dass mein ‚Geruch‘ nicht immer gut ist und ich mich anstrenge, ihn mit vielerlei zu überdecken und zu über­tünchen. Ich selbst bin es, der vermeintlich ahnt, wo ich einen bestimmten, von mir eingeforderten ‚Geruch’ zu verbreiten habe. Gott ist so anders. Er möchte gerade meinen Geruch aufnehmen. Ich darf mich ihm in die Wiege legen.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, eine gesegnete Weihnachts­zeit und Gottes guten Segen im Neuen Jahr. Ich wurde ihm in die Wiege gelegt. Vielleicht können Sie dies als kleines Gebet in der Heiligen Nacht sprechen.

Gottes Segen begleite Sie.

Markus Hary, Pfarrer